„Ein Jobverlust wird oft als sozialer Abstieg empfunden“

Erwerbsarbeit gilt als eine wichtige Voraussetzung, um am gesellschaftlichen Leben teilhaben zu können. Sie dient oft nicht nur dem Broterwerb, sondern stärkt auch Zufriedenheit und soziale Kontakte. In einer neuen IAB-Studie haben Stefanie Gundert und Laura Pohlan untersucht, welche Folgen ein Arbeitsplatzverlust für die gesellschaftliche Teilhabe der Betroffenen hat. Die Redaktion des IAB-Forum hat bei den beiden Autorinnen nachgefragt.

Arbeitslosigkeit erhöht nach allgemeiner Einschätzung das Risiko, vom sozialen Leben ausgeschlossen zu sein. Konnten Sie das in Ihrer Studie bestätigen?

Stefanie Gundert: Die Chancen auf materielle und soziale Teilhabe hängen tatsächlich eng mit der Integration ins Erwerbsleben zusammen. Um herauszufinden, wie sich ein Arbeitsplatzverlust auf die Teilhabe von Betroffenen und deren Familien auswirkt, haben wir in unserer Studie Menschen, die ihren Job verloren haben, mit durchgängig erwerbstätigen Personen verglichen. Zuerst haben wir betrachtet, wie sich ihre finanzielle Situation entwickelt hat. Hier sind unsere Befunde erstmal wenig überraschend: Der Arbeitsplatzverlust verringert das Einkommen, das dem betroffenen Haushalt zur Verfügung steht. In der Folge schränken die Betroffenen ihren bis dahin gewohnten Lebensstandard ein. Das heißt, sie können sich bestimmte Dinge und Aktivitäten, die in unserer Gesellschaft zu einem üblichen Lebensstandard zählen, häufiger als zuvor nicht mehr leisten. Das betrifft auch ihre Möglichkeiten, aktiv am sozialen und kulturellen Leben teilzunehmen. Sie verzichten zum Beispiel aus finanziellen Gründen häufiger auf Kino- oder Theaterbesuche und laden seltener Freunde nach Hause zum Essen ein.

Laura Pohlan: Aus unserer Studie schließen wir auch, dass sich die Betroffenen der materiellen und sozialen Risiken, die mit Arbeitslosigkeit einhergehen, sehr bewusst sind. Der Verlust des Arbeitsplatzes wird von Vielen offenbar als sozialer Abstieg empfunden. Personen, die ihren Job verloren haben, schätzen ihren eigenen sozialen Status im Durchschnitt geringer ein als zuvor. Auch ihr Gefühl, zur Gesellschaft dazuzugehören, nimmt ab, und fällt im Mittel deutlich geringer aus als bei Personen, die ihren Job nicht verloren haben.

“Die allgemeine Lebenszufriedenheit geht bei den Betroffenen deutlich zurück.”

Welche Folgen hat die Arbeitslosigkeit für das individuelle Wohlbefinden der Betroffenen?

Pohlan: Die Folgen von Arbeitslosigkeit für das individuelle Wohlbefinden untersuchen wir anhand zweier Indikatoren: der mentalen Gesundheit und der allgemeinen Lebenszufriedenheit. Unsere Studie zeigt, dass sich bei Personen, die arbeitslos geworden sind, die mentale Gesundheit im Vergleich zu weiterhin Erwerbstätigen verschlechtert. Erstere berichten zunehmend von seelischen Problemen wie Angst, Niedergeschlagenheit oder Reizbarkeit. Auch die allgemeine Lebenszufriedenheit geht bei den Betroffenen deutlich zurück.

Die Personen, die ihren Arbeitsplatz verloren haben, waren zum Zeitpunkt ihrer Befragung weniger als ein Jahr arbeitslos. Hat Sie die Stärke der negativen Folgen schon in diesem recht kurzen Zeitraum überrascht?

Gundert: Es ist schon bemerkenswert, dass bereits in dieser Zeitspanne nicht nur Auswirkungen auf das Einkommen, sondern auch auf den Lebensstandard sichtbar werden, denn Einkommenseinbußen schlagen sich in der Regel nicht sofort auf alle Bereiche des täglichen Lebens nieder. Bei näherem Hinsehen stellten wir fest, dass Arbeitsplatzverluste kurzfristig kaum einen Einfluss auf die Ausstattung mit langlebigen Konsumgütern, wie Haushaltsgeräte oder Fernseher, haben. Wer seinen Job verliert, macht zunächst vor allem Abstriche beim Urlaub sowie bei sozialen Aktivitäten, die mit Kosten verbunden sind. Die Betroffenen können außerdem weniger Rücklagen bilden und haben mehr Schwierigkeiten, unerwartete Ausgaben zu stemmen.

Pohlan: Unsere Studie belegt tatsächlich, dass ein Arbeitsplatzverlust schon nach relativ kurzer Zeit die Teilhabe und das Wohlbefinden der Betroffenen negativ beeinflusst. Dieser Effekt ist allerdings noch nicht so stark, wie frühere Studien ihn bei Langzeitarbeitslosigkeit festgestellt haben, also bei einer Arbeitslosigkeit, die länger als ein Jahr dauert. Kurzfristig führen die Einschränkungen, die die Betroffenen nach einem Arbeitsplatzverlust erleben, außerdem nicht dazu, dass sie sich sozial ausgegrenzt fühlen. Auch wenn sie ihren sozialen Status und die gesellschaftliche Zugehörigkeit geringer einschätzen als zuvor, ordnen sie sich im Durchschnitt weiterhin der gesellschaftlichen Mitte zu. Die Größe des Freundeskreises und das Engagement in Vereinen bleiben nach dem Jobverlust ebenfalls zunächst stabil.

Gibt es Faktoren, die vor den beschriebenen Folgen der Arbeitslosigkeit schützen können?

Pohlan: In unserer Studie haben wir nicht systematisch die Faktoren zur Stärkung der Resilienz, also Widerstandskraft, gegenüber den negativen Folgen von Arbeitslosigkeit untersuchen können. Wir haben aber einen Faktor analysiert, der als sehr wichtig bei der Bewältigung von Arbeitslosigkeit und ihren Folgen gilt, nämlich das Bildungsniveau. Es zeichnet sich ab, dass ein Arbeitsplatzverlust die Teilhabechancen von Menschen mit höherer Bildung insgesamt weniger stark beeinträchtigt als dies bei Menschen mit geringen bis mittleren Qualifikationen der Fall ist. Das liegt vermutlich daran, dass höher Qualifizierte oft über mehr finanzielle und psychosoziale Ressourcen zur Bewältigung von Krisensituationen wie dem Verlust des Arbeitsplatzes verfügen. Außerdem sind ihre Chancen am Arbeitsmarkt höher, und damit auch die Aussicht, wieder einen Job zu finden.

“Ein Arbeitsplatzverlust beeinträchtigt die Teilhabechancen von Menschen mit höherer Bildung insgesamt weniger stark als bei Menschen mit geringen bis mittleren Qualifikationen.”

Welche politischen Maßnahmen könnten helfen, den negativen Folgen für die Betroffenen entgegenzuwirken?

Gundert: Dass der Verlust des Arbeitsplatzes oft mit psychischen Belastungen einhergeht, ist auch deshalb problematisch, weil sich dadurch die Chancen, einen neuen Job zu finden, verschlechtern können. Wie wir aus der Forschung wissen, sind Langzeitarbeitslose, die länger von Sozialleistungen abhängig sind, gefährdet, dass sich ihre Teilhabedefizite weiter verschärfen – sei es durch fehlenden finanziellen Spielraum oder ein Gefühl der sozialen Ausgrenzung. Die Betroffenen können schlimmstenfalls in einen Teufelskreis geraten, in dem sich fehlende Arbeitsmarktperspektiven und gesellschaftliche Isolation wechselseitig verstärken. Um dem vorzubeugen, erscheint es uns vor allem wichtig, Menschen, die ihren Arbeitsplatz verloren haben, dabei zu unterstützen, möglichst schnell wieder eine Beschäftigung zu finden. Allerdings ist eine schnelle Rückkehr ins Erwerbsleben noch kein Garant für individuelles Wohlbefinden oder eine bessere materielle und soziale Teilhabe. Dafür kommt es auch auf die Qualität der Arbeit an, also zum Beispiel darauf, dass die Tätigkeit angemessen entlohnt ist und gute Beschäftigungsperspektiven bietet.

Dr. Stefanie Gundert ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Forschungsbereich „Panel Arbeitsmarkt und soziale Sicherung“ am IAB und leitet zudem die Arbeitsgruppe „Qualität der Beschäftigung“.

Dr. Laura Pohlan ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Forschungsbereich „Arbeitsmarktprozesse und Institutionen“ und leitet zudem die Arbeitsgruppe „Folgen der Corona-Pandemie“.

Literatur

Gundert, Stefanie; Pohlan, Laura (2022): Materielle und soziale Teilhabe: Mit dem Arbeitsplatz kann man mehr verlieren als nur den Job. IAB-Kurzbericht Nr. 2.

Autorin: Christiane Keitel
erschienen am 4. Februar 2022 im IAB-Forum